Mittwoch, 16.08.2006
Der Fall Günter Grass
Der Schrifsteller Günter Grass hat sich der Öffentlichkeit als hartnäckiger Lügner in eigener Sache offenbart - er war Mitglied der Waffen-SS gewesen. Aber kann man über dieses Verhalten von Grass wirklich so überrascht sein oder muss nicht vielmehr festgestellt werden, dass es absolut zu dem passt, was Grass in den letzten Jahrzehnten politisch abgesondert hat (Wolfgang Münchau spricht von einem "fundamentalen Antiliberalismus" bei Grass - siehe auch das Interview, das Grass den Lübecker Nachrichten nach dem 11. September gab) - dass sein unmoralisches Lügengebäude zu seinen unmoralischen politischen Ansichten passte? Günter Grass, die moralische Instanz, die nie eine war. Wolfgang Münchau schreibt in der FTD:
- Aus amerikanischer Sicht ist Grass' Lebensweg weitaus geradliniger als aus einer deutschen. Hier zu Lande fragt man: Wie konnte er nur zur Waffen-SS gehen? Wie konnte er sein Geheimnis so lange verbergen? Wie konnte er sich trotz dieser Vergangenheit zur moralischen Instanz hochspielen?
- Man kann aber auch umgekehrt fragen: Wie gelangt ein junger Mann, der bei der Waffen-SS diente und dies später als Irrtum erkannte, in seinem weiteren Leben zu einem so radikalen Antiliberalismus? Grass' Geschichte spiegelt die Lebenslüge der deutschen Linken. Sie glaubten, links sei das Gegenteil von rechts, und linksextrem sei das Gegenteil von rechtsextrem. Sie sahen sich als die wahren Antinazis. Sie betrachteten die bürgerlichen Parteien CDU, CSU und FDP als die Fortsetzung des Faschismus mit anderen Mitteln. Noch absurder ist, dass sie die USA in demselben Licht betrachteten, ungeachtet dessen, dass ohne Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg der Faschismus gesiegt hätte.
- Sie übersahen, dass sich die Extreme des politischen Spektrums überlappen. Linke und rechte Extreme haben gemein, dass sie individuelle Freiheit und Marktwirtschaft ablehnen. Sie mögen zwar unterschiedlich stark antiamerikanisch, antikapitalistisch und antisemitisch sein. Aber es sollte nicht erstaunen, dass einer, der heute am linken politischen Rand gegen Amerika pöbelt, irgendwann von der rechten Seite her gegen Amerika kämpfte.
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